This report has nothing to do with wine and food. It is about a journey to Far East Russian island Iturup in July 2017. It is written in German. Anyhow, if you are interested in this, please do not hesitate and begin to read right away! Please enjoy. 

Ein persönlicher Bericht über eine Reise nach Iturup im Juli 2017

von Alexander van Dülmen

Fotos zu diesem Bericht befinden sich am Ende des Textes.

„Frühstück!!!!!!“, leicht thüringisch angefärbt, von manchen fälschlicherweise als sächsisch eingeschätzt, auf jeden Fall markdurchdringend und nicht nur in unseren bescheidenen Zimmern der gastgebenden Fischfarm zu hören, sondern ganz sicher auch im dreiviertelstündig entfernt liegenden Kurilsk zu vernehmen, so begann jeder unserer Morgen auf Iturup. Es kann nur einen geben, der derart laut „ansagt“ (ich kann nicht schreiben, dass es schreien ist). Einer, der einmal sehr viele Matrosen kommandiert hat, als Kapitän der DDR Marine zur See gefahren ist und den Natoverbänden, nicht nur ob der Bewaffnung seines Schiffes und Geschmeidigkeit seiner Fahrweise Respekt eingeflößt hat, sondern mit diesem Organ auch ordentlich einen Schrecken eingetrieben haben dürfte. Mir ist jedenfalls nicht bekannt, dass es in der Zeit des kalten Krieges zu ersthaften Spannungen in der Ostsee gekommen ist. Udo. Der Name Udo, ein Paradox zu diesem Organ. Aber er hatte ja auch die russischen U-Boote unter seiner Fregatte und die hörten durch ihre Röhren eh erst hin, wenn man schrie.

Das ist natürlich Unfug, denn ich glaube, dass auch German und vor allem unsere liebe Vera, die jeden Tag das Frühstück zubereitete, mit schauernder Sympathie vernahmen, dass unser Udo hungrig in der Küche saß. Natürlich waren es immer wieder die van Dülmens und hierbei eher der alte, also der Autor dieser Zeilen, der in guter alter westdeutscher Zivildienstmanier gern ein paar Minuten zu spät kam. Das allerdings gab Felix die Möglichkeit, sich schnell noch in die nächste Ebene seines Spiels auf seinem Smartphone zu kicken, bevor dann das lästige, vom Spielen abhaltende Frühstück beginnen konnte. Einer der vielen Gründe, die die nachhaltige Sympathie Felix’ gegenüber dem alten van Dülmen auch heute noch begründet. Denn, gewartet wurde immer auf den letzten bis wir zu essen begannen! Gute Sitten im Fernen Osten!

Zugebenermaßen es wäre für Vera nach ein paar Tagen gar nicht mehr so viel Neues zuzubereiten gewesen, hätte sie nicht mit ihrem ukrainisch gedachten „Ich meine es gut“, einfach irgendwann aufgehört zu kochen und zuzubereiten. Sie kann relativ gut kochen, manches sagenhaft köstlich, manches leider „overdone“ – nicht im Sinne eines Gourmet Kochs, sondern im Sinne einer gewissen Unkenntnis, dass Fisch meistens dann am besten schmeckt, wenn man ihn nicht paniert und zu Tode dünstet. So erschien es nicht nur, dass das Essensangebot jeden Tag größer wurde, wir kamen bei all den von ihr mit viel Liebe und slawischer Leidenschaft zubereiteten Köstlichkeiten gar nicht nach. Und es gab von allem immer etwas! Sehr verführerische Pfannkuchen, viel Fisch, Fleischsalat, „Butterbrote“, rohen Lachs, geräucherten Lachs…..und man glaubt es nicht, Felix und Balthasar hatten dann noch den Wunsch nach ganz rudimentären Lebensmitteln: einen Eimer Honig und natürlich Nutella! Das Brot, vielleicht das einzige Lebensmittel, das wirklich nicht geschmeckt hat: trocken und hart, fand damit als Grundlage auch einen großen Absatz. Balthasar setze jeden zweiten Morgen einen neuen Rekord, mit sechs oder sieben Honigbroten, sehr zum Leidwesen von Udo, der längst aufbrechen wollte, in der Gewissheit, dass der Heilbutt nicht mehr lange auf ihn warten würde. Übrigens ist das russische Wort für Heilbutt Paltus, ich habe es bis vor kurzem noch mit B geschrieben. Eine Referenz zum Thüringischen.

Ich glaube auch, dass Felix jede Verlängerung der Frühstückszeit gut gefunden hat, denn das verlängerte den Zeitraum zum vermeintlichen Aufbruch. Aufbruch hieß, Stress durch Bewegung, kein Internet, obwohl er alle Datenvolumen durch seinen Ausnahmevertrag mit Russtelekom herunterladen konnte, aber da, wo es hingehen würde, da gab es kein Netz.

Überhaupt, das Netz. Eine Voraussetzung für eine gelungene Reise ist wahrscheinlich wirklich Netzfreiheit. Nicht zu verwechseln mit der Freiheit der freien Netzwahl! Wenn die Smartphones dem Grunde nach nur das wären, was sie mal in der Ausgangsentwicklung gewesen sind, nämlich Telefone, hätte man sie auf Iturup kaum einsetzen können! Denn es gab trotz eines Besuchs von Medwedew vor ein paar Jahren, der lautstark Investitionen in die Infrastruktur der Kurilen ankündigte, selten Netz. Das WLAN funktionierte eindeutig dann am besten, wenn nur ich alleine online war, was meine Reisebegleiter nicht immer eingesehen haben, wollten sie sich wie ich auch doofe Clips über den Einsatz des Worts „Fuck“ ansehen, die neuesten Consolenupdates runterladen, manchmal tatsächlich freundlich gemeinte Nachrichten an Menschen in der Ferne absetzen und Kontostände kontrollieren. Nun war ich aber kaum alleine, weil wir nicht nur als Gruppe zu frühstücken hatten, sondern uns gemeinsam für eine der schönsten und beeindrucktesten Reisen meines Lebens verabredet hatten. Die Zusammensetzung einer Gruppe spielt dabei eine sehr wichtige Rolle, denn wenn man sich nicht verträgt, wird es vor allem dann schwer, wenn es kaum Alternativangebot gibt. Neben den bereits beschriebenen, sind das noch die Scholzes und Natascha. Langbeinige Kerle. Felix, Sohn und ausdrucksvolles Opfer eines Angriffs chemischer Waffen und wie sein Vater im Auto ob der langen Beine immer vorne sitzend.

Natascha wählte dagegen eine geschickte Strategie, um mir weitere Fettnäpfchen beim Kennenlernen zu ersparen, wofür ich ihr meine Dankbarkeit erst mit diesem Bericht zum Ausdruck bringen kann. Sie deutete an, kein Deutsch zu können, denn meine doppeldeutigen Witze auf Kosten anderer kamen in den ersten Tagen richtig prima an. (Ich sollte jeden Tag aufs Neueste zum tollsten Reisebegleiter unserer Gruppe benannt werden, was ich in meiner Bescheidenheit natürlich immer zu Gunsten Andrés ablehnte). Nein, im Ernst. Dafür dass wir uns alle nicht kannten, ist es sehr, sehr gut gegangen. Überhaupt Natascha, die schöne, geduldige und ihrem Mann, Udo, bemerkenswert Widerstand entgegen setzende Ehefrau, die manchmal mit einem mindestens so markdurchdringendem „Uuuuuuudooooooooooooo“ ganz gut auch vokal mithalten konnte. Herzlich, hübsch und als einzige Frau in unserer Gruppe unfassbar wichtig, ein Korrektiv und Garant für Anständigkeit. Und natürlich André, mein längster Freund. Ein Mensch mit sehr großem Herz am richtigen Fleck. Auch er in der DDR großgeworden und sozialisiert, auch er wahrscheinlich deshalb heute in Russland wie Udo wohnend und beruflich unterwegs.

Die Kurilen sind eine aus mehr als 30 Inseln bestehende Kette zwischen Japan und Kamtschatka. Die beiden südlichsten und auch größten sind seit 1945 wieder unter Russischer Verwaltung. Als erstes, so zumindest die zugänglichen Informationen im Internet war es der holländische Seereisende Maarten Gerritszoon de Vries, der die Insel erreichte und kartographierte. Kurz danach, also schon rund 40 Jahre später tauchten die ersten Kosaken im Norden von Kamtschatka kommend auf. Überhaupt, wenn man beginnt zu lesen, woher die Kosaken kamen, dass sie bis nach San Franzisco zogen, alles nur so am Rande während der Reise aufgenommen, ahnt man, dass man hierüber sehr wenig weiß. Wir waren jedenfalls gleich am ersten Tag unserer Reise im Heimatmuseum von Kurilsk, dem Hauptort von Iturup. Dort gibt es einen eher hässlichen Neubau, der eine Art Kultur-, Sport- und Verwaltungszentrum ist und in dessen Sudterrain ein Raum mit verschiedenen Ausstellungsgegenständen zu finden ist. Geführt durch die charmante Ksenia, die nicht nur ob ihres Wissens um die Geschichte der Insel imponierte, sondern auch – zumindest mich – mit ihren sehr, sehr hohen Stöckelschuhen, lernten wir die Geschichte dieser Insel kennen. Iturups Ureinwohner sind die Aniu, eine Volksgruppe die verwandt ist mit sibirischen Ureinwohnern, die es auf Sachalin gegeben hat und auch auf der japanischen Nordinsel Hokkaido. In manchen Quellen spricht man auch über die Urjapaner. Diese Ureinwohner lebten von Fisch und der Jagd, angebaut wurde auf den Inseln nichts. Iturup jedenfalls ist schon seit sehr vielen Jahrhunderten besiedelt, immer in der Nähe des Meers. Neben den ethnographischen Informationen erhielten wir auch ein wenig Einblick in die Russische Geschichte der Insel und sogar ein wenig von der japanischen Epoche, die immerhin auch über 100 Jahre andauerte. Bis heute wird die Insel ja von den Japanern beansprucht, dazu später mehr. Letzten Endes verlässt man dieses Museumchen mit einem beruhigenden Eindruck, historisch nichts versäumt zu haben, denn die Bedeutung der Insel ist im geschichtlichen Kontext nahezu null. Immerhin befindet sich auf der Insel auch Russlands größter Wasserfall, weit über hundert Meter, nur man kommt nicht hin, weder mit dem Wagen oder zu Fuß. Man müsste ein Schiff haben und der Entdecker muss solch Strapazen auf sich genommen gehabt haben, dass er gleich ein sehr scheußliches Denkmal bekommen hat. Der Ort, in dem das Museum steht, also Kurilsk, ist mindestens so hässlich wie das Denkmal.

Ich muss fair bleiben, denn ich habe mir viel Schlimmeres vorgestellt! Durch die häufigen Erdbeben darf auf Iturup nicht höher gebaut werden als zwei Stockwerke, was eine Wohltat ist, denkt man an die abgründige Hässlichkeit Russischer Plattenbauten und deren sichtbarem Verfall, obschon Menschen in ihnen, auch in Ermangelung Alternativen leben müssen. Also der erste Eindruck von Kurilsk ist jetzt nicht vergleichbar mit einem idyllischen Hafenort anderswo auf der Welt, Blech ist der vorherrschenden Baustoff, nur noch wenige Häuser aus Holz, was ich beim besten Willen nicht verstehen kann. Auch sonst mag der Kurile Metallbaustoffe und Schrott, denn sein Gärten und die unmittelbare Umgebung und Flächen zwischen den Häusern verzieren rostende Gitter, Pantonsteile und übriggebliebene militärische Bauelemente. Am meisten mag der Ituruper Russe aber den Container. So sehr, dass der eine oder andere sich seine sagenhafte Aussicht aufs Meer mit einer rostigen, gerillten Containerwand ersetzt. Das ist etwas, dass ich auch nach zwölf Tagen nicht begreifen konnte.

Die bereits beschriebene morgendliche Disziplin des gemeinsamen Frühstücks hatte natürlich nicht nur den zugegebenermaßen sehr kameradschaftlichen Charakter, sondern begründete sich auch darin, dass wir jeden Tag ein mehr oder weniger straffes Programm vor uns hatten. Wie viel von dem Programm Natascha, Udo oder auch André vorher bekannt gewesen ist, weiß ich nicht. Manchmal kam es mir so vor, dass ich es gar nicht erst erfahren sollte, um nicht mit irgendeinem Gegenvorschlag die Chancen für einen weiteren Angeltag zu Nichte zu machen, hatten wir ja zwei passionierte Angler dabei, die um alles in der Welt ihren Heilbutt angeln wollten. Ich dagegen hätte mir in der Tat wirklich sehr, für wenigsten einen Tag, eine längere Wanderung gewünscht, was aber zugegebener Maßen auch beim Reiseleiter und allen andren Bewohnern auf der Insel Kopfschütteln ausgelöst – nicht nur – hätte, sondern auch hat. Denn ich bestand einige Male darauf, einfach aussteigen zu dürfen, um die so unbeschreibliche schöne unberührte Natur zu erlaufen, zu riechen und zu erfassen.

Dass wir in einem Paradies für Angler gewesen sind, habe ich bereits vor der Abreise erleben können, weil ein Berliner Anwalt, der mich eher professionell distanziert berät, der aber selbst offensichtlich leidenschaftlicher Angler ist, auf einmal ganz persönlich wurde, als ich ihm von meinem Reiseziel berichtete. Er wusste um die Fischgründe und um den Heilbutt, den man dort angeln konnte. Da war er wieder, der Paltus, der Heilbutt, nein da tauchte er das erste Mal für mich auf. Das reisebegleitende Tier.

Die Programmpunkte unserer Reise richteten sich aber nicht nur nach den Wünschen der beiden Angler Udo und André, sondern auch nach denen, die sich fürs militärische interessierten, also Udo und André. In die Quere konnte ihnen eigentlich nur das Wetter kommen und Ksenia, unsere adrette Lokalhistorikerin in Stöckelschuhen und heimlichen Zungenpiercing.

Überhaupt das Wetter. Zur Reisevorbereitung hieß es noch, wie sollten Wintersachen mitnehmen. Haben wir auch. In Iturup angekommen, erschien es uns als Schwachsinn, denn es war ganz sicher auch im Durchschnitt viel wärmer als von uns allen erwartet. Nichts destotrotz, das Wetter kann sich innerhalb von wenigen Stunden radikal ändern. Sagenhaft: wir erlebten einen Tag in purer Wildnis, entlang eines schönen Flusses, an dem wir nicht nur angelten, sondern auch entlang wateten (also ein gelungener Kompromiss!) und es war so warm, dass wir zur Mittagszeit mit freiem Oberkörper in an Peinlichkeit nicht übersteigender Putinmanier angeln konnten. Am übernächsten Tag, auf einer Tour an die Pazifikküste wehte so ein scharfer frischer Wind, dass wir dankbar sein konnten und waren, dass German Russische Winterjacken dabei hatte, deren Nachteil allerdings war, dass sie ganz sicher nicht atmungsaktiv und voll aus Kunstfaser sind, was schnell zu einer Überhitzung in diesen Jacken führte.

An der Küste ging eigentlich fast immer Wind und auf den Berg- und Hügelkappen auch. Es regnete selten, denn Wolken flogen nur so über die Insel, aber die Inseln konnten sich ganz schnell in Wolken hüllen und dann gab es Nieselregen.

Was ist so außergewöhnlich, so anders an Iturup? Schon bei der Ankunft hat man eine Ahnung auf einem ganz besonderen Stück Erde gelandet zu sein. Es erheben sich ein paar, ja mächtig ist nicht der richtige Begriff, aber doch beherrschende Berge, Vulkane richtigerweise, die die Landschaft nicht unbedingt prägen, sondern ihr einen schönen Halt und eine außergewöhnliche Anmut geben. Es gibt auf der Insel keinen klassischen Wald, so wie wir ihn kennen. Sondern es ist eine ganz besondere, ja fast schon Märchenähnliche, silbergrüne Undurchdringlichkeit aus hohen Gräsern, kleinem und scharfem Bambus, der interessanterweise auch Kurilenbambus heißt und somit nur auf den Kurilen vorkommen dürfte, resistenten Sträuchern und knorrigen, sehr schönen Bäumen, die in ihrem Auswuchs nach oben gebändigt erscheinen, denn sie formen so ähnlich wie manche Bäume in Afrikas Steppen eine Art Dach aus ihren Zweigen. Es ist meiner Meinung nach eine Art von Kiefer. Dazu gibt es ab und zu wohl auch Fichten und Tannen. Und kleine Birken.

Überhaupt mutet der eine oder andre Blick in die Ferne an wie ein Panorama afrikanischer Savanne. Aber wir sind eben nicht in Afrika, sondern auf einer Insel, die von einem Ende zum andren 200km lang ist, an der weitesten Stelle knapp 30km und an dünnsten Stelle 6km breit ist. Und trotz dieser, wie man meint, reduzierten Fläche, schaut man über eine unendliche Ferne. Die sich am Horizont erhebende Berge haben oft die für Vulkane typischen Kegelform. So ist es jedenfalls, wenn man in das Innere der Insel fährt: Wasserläufe und wilde Bäche ziehen tiefe Täler und teilweise grüne Schluchten in die Bergzüge, wo sie schnell zu richtigen Flüssen werden, die dann nur ein Leben von einigen Kilometern haben, um unmittelbar im Meer zu münden. Das Ganze ist wie ein eigener Minikosmos, der Kreislauf aus Regen, der dann einsackert, abfließt, um dann wieder im Meer mündet, während die nächsten Wolken daher geflogen kommen und Regen mitbringen. Daher sind die Inseln natürlich sehr grün und vor allem die Küste, die mit wenigen Ausnahmen, die dann aber spektakulär sind, von einer höheren klippenartige recht dunkle Wand geprägt sind, die aus der weiteren Ferne wie die Stufe zu einem Plateau wirkt. Die Wellen schlagen entweder gegen Felsen oder gegen sehr grobsteinige Strände, es gibt gefährliche Untiefen und hohe Klippen unter der Wasseroberfläche, wovon einige Schiffsfracks zeugen. Es erhebt sich dann eine felsige oder sehr steile, grüne Wand, bewachsen von meterhohem Holunder, anderen Gräsern, Brennnesseln und dem benannten Bambus, die dann nach fünfzehn bis zwanzig Meter Höhe, manchmal vielleicht auch noch mehr, abbricht und sich dann viel flacher, ja seicht in Hügel übergehend als eine Art grüner Stufe, ja eben Plateau erhebt. Ganz in der Nähe unserer Fischfarm wurde auf einer dieser Flächen Kohl und Kartoffeln angebaut, wobei wohl nur der Kohl wirklich gut wächst. Überall enden kleine Bachläufe in der See. Manchmal formt sich in diesen Wänden ein Kamin, der einem theoretisch den Aufstieg vom felsigen Strand auf das Plateau ermöglichen sollte. Würde man dann nicht auf ein noch warmes Bärenlager stoßen, so das einem der Respekt vor diesem Tier oder auch der kleine Funken Furcht, der sich in den Augen des mit einer Schrotflinte bewaffneten Begleiters erahnen lässt, das Gefühl geben, dass man hier wohl nun besser nicht weiterklettern sollte. Diese Plateaus sind immer grün, doch immer wieder ein andres grün prägen sie, mal saftig und frisch, mal harscher und holziger.

Unterbrochen werden diese Wände durch Mündungen größere Flussläufe. Dort bilden sich weitläufige Strände, manche ganz schwarz, manche weiß, manche sehr grobkörnig, manche samt. Der schwarze Sand dürfte vulkanisch sein, der weiße Sand aus dem Meer und von den Flüssen heruntergeschwemmt. In manchen dieser Buchten, in denen auch heute noch die eine oder andre Behausung zu finden ist, hat es auch vor vielen Jahrhunderten schon Siedlungen gegeben. Das zeigen einige archelogische Untersuchungen, die aber nur sehr rudimentär gewesen sein dürften, was auch nicht weiter verwunderlich ist, vergleicht man die historische Bedeutung von Iturup mit beispielsweise Sizilien. Wir wurden jedenfalls – als offizieller Programmpunkt – einmal an einer Stelle in mitten schwarzer Sanddünen, die sich farblich so anders als gewohnt in die Landschaft aus Meer, Strand und Gräser formen, abgesetzt und fanden eine recht große Fläche vor, die scharf vom Wind geschliffen lauter kleine Steine, Muscheln und, so zumindest die Ansage unserer Fahrer, Scherben- und Werkzeugreste der Anui freigibt.

Hinter solchen Dünen und leichten Erhebungen entlang dieser Strände liegen manchmal Seen. Man würde meinen, dass diese mal verbunden waren mit dem Meer und über die Jahre durch Sandverwehungen getrennt wurden. Das ist aber offensichtlich eine falsche Annahme, denn wie uns erzählt wurde, sind manche dieser Seen, die Luftlinie vielleicht gerade mal 200 Meter vom Meer entfernt sind, bereits einige tausend Jahre alt. Wenn es eine Verbindung zur See gibt, dann als abfließender Bach. Also kein Salzwasser im See! Diese Seen sind sanft in die Landschaften eingebettet, einfach anmutend und wunderschön. Hier kommen die Tiere, wenn sie nicht gerade in der Nähe einer der vielen Bäche sind, zum Trinken und noch viel wichtiger: zum Jagen. Denn der Bär, obwohl wir auch Spuren direkt am Strand gesehen haben, jagt Fische und die gibt es zu fast allen Jahreszeiten zuhauf.

So kam es auch, dass wir – endlich und erst am vorletzten Tag unseres Aufenthalts – genau an einem solchen See unseren ersten Bär sahen. Soll heißen, die andren fünf behaupten, sie hätten einen gesehen. So auch einer der Fahrer. Da Korruption bekanntermaßen ein großes Problem in Russland ist, sind wir bis zuletzt skeptisch geblieben, ob das mit den Bären auf der Insel nicht vielleicht ohnehin alles nur Show und Marketing gewesen ist. Es wurde groß angekündigt. Was für Udo der Heilbutt, das ist für uns der Braunbär. Es leben rund 5.000 Menschen auf Iturup, was weniger als 2 Menschen pro Quadratkilometer sind, und rund 1.000 Bären. Zugegebenermaßen sind wir alle sehr gespannt gewesen, einen dieser Bären zu sehen. Im Laufe der Tage sahen wir viele Spuren und immer wieder hatte einer unserer Begleiter, wenn wir wirklich in der Wildnis waren, eine Gewehr zum Schutz dabei. Wir selber erhielten bereits am ersten Tag eine Art Horn, ähnlich wie man es aus Fußballstadien oder dämlichen YouTube Videos kennt. Wie eine Spraydose, doch ohne Parfüm wird unter Druck stehende Luft durch ein Ventil geblasen, was höllischen Lärm verursacht. In unserem Fall sind es kleinen Dosen gewesen und wenn man drauf gedrückt hat, ertönte ein unerträglicher Ton in ganz hoher Frequenz. Diese 120 Dezibel verjagen Bären, so wurde uns versichert. So harmlos denkt man und je länger man unbescholten durch die Landschaft läuft und fährt, ja man eben keinen Bär sieht, umso lässiger geht man damit um. Wir haben dann schon mit unsren Witzen begonnen. Doch wie es kommen sollte, war das nicht der einzige Bär, den wir sehen sollten und ich nicht sah. Nataschas Freudenjauchzen war so kindlich, so wie wenn es die allerneuesten Spielkonsolen für Felix zu Weihnachten gegeben hätte, dass auch ich wusste, da war wirklich ein Bär. Balthasar zeigte mir dann noch ein verwackeltes Video, nicht wirklich überzeugend, aber warum sollte ich meinem Sohn nicht glauben. Am selben Tag, wir sind am Nachmittag zum Vulkan gefahren und auch noch einmal zu den herrlichen heißen Quellen, sah ich IHN! Am linken Pistenrand. Ein riesiges, mächtiges und edelmutiges Tier. Ein ausgewachsener, starker und wunderschön dunkelbrauner Bär. Da bleibt einem der Atem stehen vor Aufregung aber auch vor Freude. Er schaute ein paar Mal rüber und man versteht sofort, warum alle Menschen nicht nur so einen Respekt vor diesen gewaltigen Tieren haben, sondern warum wir jemanden dabei hatten mit Schrotflinte. Wenn der auf Dich zukommt und los läuft, hast Du gar keine Chance. Gar keine! Wie gut, dass diese Tiere scheu sind. Und wir haben uns natürlich in respektvoller Entfernung aufgehalten, immer so nah am Auto um im Notfall hineinzuspringen. Aber was muss das erst ein Erlebnis sein, wenn man zu Fuß unterwegs ist. Nicht dass ich damit eine argumentative Vorlage liefern möchte, dass meine Absicht, zu spazieren und zu wandern, vor dieser möglichen Gefahr, eventuell kritisch gesehen wurde. Aber in der Tat, hier ist höchste Achtsamkeit gefordert. Und die Einheimischen haben natürlich gleich ein paar Horrorgeschichten parat, wie von dem Kind, das alleine auf einem Spielplatz in Sichtweise des Wohnhauses spielte und von einem hungrigen Bär gefasst und zwei, drei Kilometer über die Insel durchs Gestrüpp mit sich geschliffen, verfolgt von einer Gruppe tapferer Männer, die das Kind tatsächlich retten konnten.

Der Juli ist eine fischarme Zeit auf Iturup. Die Flüsse sind eher leer, so wagen sich die Bären in dieser Zeit immer näher an Orte heran. Und die Menschen machen es ihnen zum Teil auch einfach, in dem sie am Rande der Wildnis kleine Müllhalden entstehen lassen. Weil Fischfarmen Reste der Fischverarbeitung in der Natur entsorgen. Das zieht die hungrigen Bären an. Schön für uns, denkt man, denn wir könnten sie dort ja in Ruhe beobachten. Doch der eine oder andre Bär verliert dadurch seine natürliche Scheu, wird gefährlich, weil er auf den Menschen geht. Genau solch einen Bären haben wir dann auch noch erlebt. Er streunte auf der Piste, die Kurilsk mit unserer Fischfarm und den andren großen Ort auf Iturup verbindet. Schon Schaum vor dem Mund wurden ihm Chips und andre artfremde Lebensmittel aus den vorsichtig geöffneten Fenstern der Jeeps zugeworfen. Er kam nah heran, so dass auch ich faszinierende Fotos machen konnte, aber dem Grunde nach, war sei Schicksal bereits besiegelt. Sein Magen verdorben, seine Sinne verwirrt, seine Scham verloren – krank und eine tödliche Gefahr. Wie wir am Abend dann hörten, wurde er noch am selben Tag erschossen. Gut so, auch wenn es verständlicherweise Mitleid gegeben hat.

An diesem Beispiel sieht man gut, dass vielen der Menschen dort auf der Insel jedes Verständnis abgeht und auch jede Art von Feingefühl. Hier ist es dann auf einmal wieder richtig russisch. Ein Schutzgedanken, ein Gedanken über die Natur gibt es bei den meisten einfachen Menschen dort nicht. Die Insel ist groß genug, denkt man sich. Und man sieht das marode und ja, kaputte des russischen Staates auch an ein paar andren Stellen. So sehr sich das natürliche Heizkraftwerk Iturups als Drehort eines skurrilen Musikvideos anbieten würde, eine Verschwendung von Ressourcen kann nicht offensichtlicher dargestellt werden. Die Vulkane auf Iturup speien keine Lava. Es kommt an sehr vielen Stellen heißes Wasser und Gase aus dem Berg. Dieses wird an einer Stelle, dessen Betreten nur durch eine notarielle Erlaubnis möglich ist, angezapft. Um es einfach zu erklären: man hat ein paar Rohre in die schwefelige Erde gerammt, um damit Energie in ein kleines Kraftwerk zu pumpen (es pumpt sich alleine dorthin ob des Drucks aus dem inneren des Bergs). In diesem Kraftwerk, was nichts als ein rostiger Haufen Stahl und Blech ist, sollte diese Energie einfasst und kanalisiert werden. Theoretisch könnte man dort auch Strom herstellen, was man zumindest schafft, ist das rund 5% (!) der dort aus dem Berg kommenden Energie für die Beheizung der Häuser genutzt wird. Jawohl, 95% gehen verloren! Das Werk wurde zum Ende der Sowjetunion errichtet, es fehlte aber an ein paar Modulen, so rostete die Einrichtung zwei Jahrzehnte ungenutzt vor sich hin. Das sich jemand darum kümmern würde? Nein. Wozu? Seit nun rund zehn Jahren hat man es irgendwie gelöst, mit dauerhaften Behelfskonstruktionen. Russland eben. Das ist so bitter, wenn ich ehrlich sein darf. Zwei oder mehr Männer leben dort in Mitten diesen funktionalen Schrotthaufens. Lieb sind sie, Balthasar hat sich mit einem ganz neugierig und erfreulich unterhalten. Ihre Lungen und andre Organe dürften verseucht sein vom Schwefel. Da braucht man sich das Rauchen nicht abgewöhnen und der eine oder andre Wodka wird auch helfen. Gegen den Gestank, gegen den Schweißdreck im eigenen Unterhemd und den Mief in der Bude, in der diese Männer hausen.

Vielleicht steht aber der Zeitpunkt mit dem die erwähnte Hilfskonstruktion für das Kraftwerk Wärme an die Häuser liefert mit etwas andrem im Zusammenhang. Ich weiß es nicht. Es ist aber eine Vermutung. Denn ich habe auch ein ganz andres Russland kennengelernt auf Iturup, eines wonach man, glaube ich, ansonsten fast schon vergeblich sucht. Nämlich nach einem, in dem Menschen leben, die nach einem andren Prinzip arbeiten und wirtschaften als das mehr oder weniger allseits vorherrschende. Dieses vorherrschende lässt sich mehr der weniger in zwei unterschiedliche Arten teilen: das für die vielen, vielen Millionen, die wirklich arm sind. Diese richten sich danach, wie sie sich das Überleben sichern können und ergeben sich leider Gottes fast immer ihrem Schicksal, das nicht selten durch Schnaps verschönert werden soll. Sie werden entlohnt, zum Teil mit so wenig, dass es zum Beispiel unter dem Durchschnitt in Vietnam liegen dürfte. Diese Menschen leben im Jetzt und Heute. Und so erleben sie auch gutes und schönes: aber immer im Jetzt. Wer weiß, was morgen kommt. Und für die wenigen andren? Die Reichen, die ihr Land gemeinsam mit diesen vielen wirklich korrupten Staatsbediensteten ausbeuten? Heute! Jetzt. Scheiß drauf, ob das unsere Kinder belasten wird, ob es Umweltzerstörung gibt. Jetzt. Sie machen Millionen, manche sogar Milliarden.

Dazwischen gibt es dann immer wieder diese Alibi Veranstaltungen und manchmal haben sie sogar war gutes an sich. Ich habe eigentlich nur auf dem Prenzlauer Berg so viele Kinderspielplätze gesehen, wie in Kurilsk. Ich könnte mit meiner Vermutung nicht ganz Unrecht haben, wenn ich schätze, dass es für je fünf Kinder in einem Alter von ein bis fünf einen Spielplatz gibt. Die Fassaden der Häuser bröckeln, die Heizung leckt, der Strom fällt immer wieder aus, die Lehrer bleiben weg, aber irgendein schlitzohriger Kinderspielplatzunternehmer hat die richtigen Leute geschmiert und konnte vor beinahe jedem Haus einen neuen Spielplatz errichten. Die Kinder danken.

Doch, um mit meinen Gedanken über Menschen, die nicht so leben, wieder aufzugreifen, schreibe ich, dass es auch einen andren Spirit gibt. Das ist nicht nur tröstlich, sonst hoffnungsvoll. Diesen Spirit könnte man mit einem niemals erwarteten Wandel beschreiben. Ob das Wort Wandel das richtige ist, weiß ich gar nicht. Denn der Hintergrund für ein anderes Verhalten, für ein anderes Vorgehen, liegt im wahrsten Sinne des Wortes in der Natur der Sache. Es könnte nicht modischer zusammengefasst werden mit dem Unwort: Nachhaltigkeit. Ich nutze das Wort nun, weil mich viele Leser besser verstehen werden, was ich damit meine. Unser Fischzüchter züchtet pro Jahr sage und schreibe 90 (!) Millionen Lachs. Im ersten Moment denkt man, oh Gott, welche schreckliche Massenproduktion. Russland eben. Masse und keine Qualität könnte man nun noch nachrufen, wenn man ganz gehässig wäre. Aber das Gegenteil ist offensichtlich der Fall. Und das ist sehr, sehr beeindruckend. In dem Gebäude, in dem wir unsere Unterkunft hatten, werden bis zu 40 Millionen Fisch gezüchtet. Wie geht das?

Die gezüchteten Fische werden in der Farm bis zu einer Größe von wenigen Zentimetern gefüttert und dann freigelassen. Das heißt, sie schwimmen den Bach, dessen Wasser die Farm speist und wieder gen Meer verlässt, hinab und wachsen dann im Meer, also wirklich ganz natürlich auf. Innerhalb eines Zeitraums von zwei bis vier Jahren kehren zwischen 5 und 9% dieser Lachse wieder in die Farm – eigentlich zum Laichen – zurück. Sollte der Bach also inzwischen verbaut worden sein, verdreckt und verlegt, würden die Fische nicht mehr zurückkommen. Wir kennen das von den Nachrichten über den Rhein oder sogar der Saar, wo gerühmt wird, Wildbachähnliche Wasserstufen gebaut zu haben, damit die Lachse hinaufschwimmen können, um zu ihren Laichplätzen zurückzukehren. Diesen zurückgekehrten Lachsen werden auf Iturup die Eier entnommen, woraus dann die nächste Generation, ja es ist immer noch eine unfassbare Zahl, 40 Millionen Fische gezüchtet werden. Der Rest der Fische, also die 91 – 95%, wird wild gefangen. Zwar sind Netze von den Ufern aus weit ins Meer gespannt, was den Fischern hilft, weil man den Lachs hier hineintreiben kann, aber der Lachs wächst nicht in einem engen Fjord oder gar in einem geschlossenen Wassersystem auf. Und das schmeckt man! Der Lachs ist sagenhaft gut. Neben diesem System der Zucht muss das Wasser natürlich auch sauber sein. Und unser Gastgeber mit seinen beiden Brüdern baut die Fischfarm aus. Alles ist neu, in relativ gutem Zustand. Der Fisch übrigens wird nicht verarbeitet, er wird schockgefroren und in dieser Form nach Sachalin und dann weiter in die Abnehmerregionen, an erster Stelle die Metropolen Russlands transportiert, wo er dann auch verarbeitet wird.

Der einzige wirkliche Umweltsünder auf der Insel dürfte die Armee (gewesen) sein. Da den Japaner der Zugang zur See hier nicht gestattet ist, wird von der Fischfressenden Nation Nummer eins auch nichts weggefischt.

Womit wir wieder beim Heilbutt sind, oder? Ich stelle beim Schreiben fest, dass ich die Chronologie unserer Reise nicht einhalten kann. Zu viele Eindrücke hängen mit Erlebnisse an verschiedenen Tagen zusammen und durch die Vielfalt der Orte kommen immer wieder andere Erinnerungen auf. Bleiben wir also beim Meer und auf ihm. An drei Tagen sind wir auf einem kleinen, etwas klapprigen Kutter aufs Meer hinausgefahren. Nie soweit nicht das Ufer noch zu sehen, nicht weil der Kutter zu sinken drohte, sondern weil die See dort nicht so tief ist und genügend Fische anbietet, wohl aber auch, weil die Seemänner großen Respekt vor den Strömungen weiter draußen zu haben scheinen und die Maschine unseres Kutters nicht zu stärksten gezählt haben dürfte. Komfort gab es nicht, aber Herzlichkeit und große Hilfsbereitschaft. Wir haben alle eine Angel bekommen. Balthasar und ich habe noch nie geangelt. Es lernt sich relativ rasch, wenn man auf See angelt. Letzten Endes muss man einen Köder anbringen, der hier in Iturup recht banal ist: Haken und ein Stück Lachs dran. Wenn man aber zum Profi rüber blickte, also zu Udo, dann kam man sich arm vor wie einer Russe ohne dessen Erfahrung und Geduld, denn der hatte Kofferweise Haken, Köder, Kurbeln, Messer, Fäden und Schnüre dabei. Der konnte sogar mit einem Gerät die Fische orten, also wie tief diese und in welcher Vielzahl sie zu finden seien. Half es ihm?

Also Angeln ist schon so eine Sache. Ich darf sagen, dass ich dankbar bin, es probiert zu haben. Zu See und am Bach. Mein Hobby wird es nicht. Das ist mir jede Bergwanderung und jede Radtour lieber. Da komme ich viel besser zu mir, als blöde am Rand eines Boots, auf einem durchgehangenen Regiestuhl zu sitzen und darauf zu warten, dass ein Fisch anbeißt. Aber ich verstehe nun worum es geht.

Klaus Augentaler fällt mir ein als einer, der von der meditativen Qualität des Angels gesprochen hat. André scheint es manchmal regelrecht egal zu sein, ob ein Fisch anbeißt oder nicht. Bei Udo gibt es diesen meditativen Moment weniger, glaube ich. Er ist da schon besessener, Geduld muss man mitbringen, sonst hat man eh keine Freude daran. Aber was wiegt mehr, der Triumph über die Geduld in Form eines tollen Fisches? Oder die Befriedigung des Jagdtriebs? Mag sein, dass es beides ist oder dass es bei jedem Menschen immer ein wenig anders ist. Zwischen Geduld haben und lange Weile ist manchmal ein schmaler Grat und umso bewundernswerter finde ich es, dass unsere Jungs nicht von Bord gegangen sind. Aber Udo hat schon gewusst, was er mit uns tun musste, um uns das Angeln zu verschönern. Er vor allem Balthasar wirklich viel übers Angeln erklärt. Da war eine schöne Innigkeit zwischen beiden, was wie ein Symbol für unsere Gruppe steht. Und der Ossi liebt nicht nur Lametta am Weihnachtsbaum, im Fall von Udo und André ist vielleicht sogar noch das Wort „Jahresendbaum“ anwendbar, ideologisch auf jeden Fall. Der goldene Barsch vor Iturup, auch der mag Lametta. Balthasar bekam als Lehrling Udos Lametta für seine Angel: als einen Anhänger der aus vier Widerhaken bestand, an deren Schnurenden gelb-rot-silber blinkende Lametta flatterte. Nachdem er diese an seine Angel angebrachte hatte und von Udo auch noch die Tiefe des Wassers lesen lernte, entwickelte sich Balthasar zum absoluten Erfolgsangler und holte einen Fisch nach dem andren aus den Tiefen. So hatte er dann auch Spaß. Zugegebenermaßen habe ich auch eine Befriedigung verspürt als ich den ersten Fisch aus dem Wasser gezogen habe. Wenn es kein großer Fisch ist, zippt es nur kurz an der Angel. Anfangs weiß man nicht recht, ob jetzt einer angebissen hat oder nicht. Offensichtlich sind viele Fische ziemlich schlau, denn ich habe etliche Male meinen Hacken herausgezogen – ohne Köder, der war weg. Man muss rucken, wenn diesen Zippen zu spüren ist. Wenn man das mal raushat, zieht man tatsächlich immer wieder Fische aus dem Wasser. Am ersten Tag waren wir alle begeistert von goldenem Barsch, der essbar ist. Also aufheben. Nur wurde es immer mehr. Ich habe mich den ganzen Tag gefragt, wer das alles eigentlich essen sollte. Die Frage hat sich nicht wirklich beantwortet, wenn gleich ich ja schon auf den immer vollen Essentisch zu Beginn dieses Berichts hingewiesen habe. Nach dem ersten Tag waren fast alle Angeln Russischer Bauart abgebrochen, was für ein Klump haben sich auch Diema und die andren Bootsleute gedacht. Sie selbst hatten kürzere, schwerere Angeln, wohl wissend, wenn man denn dann einmal etwas Größeres an der Angel haben würde, dass diese eben nicht abrechen dürften. André und noch mehr natürlich Udo zog es wirklich immer zum Angeln. Die beiden hätten wohlmöglich jeden Tag auf dem Kutter verbringen können, was uns andren aber auf alle Fälle viel zu langweilig geworden wäre. Wenn meine Ausbeute in den weiteren Tagen zwar größer wurde, so wurde sie nicht wertvoller, denn ich habe ein Alien nach dem andren aus dem Wasser gezogen. Immer in der Hoffnung, nun auch einmal etwas wirklich Größeres an der Angel zu haben, habe ich diese Viecher, die stark sind, rausgezogen als ob es um wirklich etwas ging. Das Stauen und Raunen der Begeisterung auf dem Boot war groß! Und spöttisch. Mein Beitrag zu Essbarem tendierte zu Null. Indirekt. Denn das was ich aus dem Wasser holte, hatte ganz sicher ähnliches auf dem Speisezettel wie wir auch.

Was zum Angeln aber genauso dazu gehört, ist der Umgang mit einem Tier, das man umbringt. Oder das man, wenn man möchte, verletzt wieder ins Wasser zurück wirft. Wie einfach ist es, ein Fischfilet aus der Tiefkühltruhe in die Pfanne zu geben. Keine blutenden Wunde an der rechten Kieme oder im Maul des Fisches, kein Zappeln beim Sterben, kein brutaler Schlag eines Stocks auf den Kopf des Fisches oder kein plötzliches Köpfen. Am Anfang haben uns das unsere Freunde noch abgenommen. Ja, weil es eklig ist. Der Fisch kann schmierig sein, oft hat er einen schleimigen Film. Man muss ihn irgendwie ruhig stellen, sonst bekommt man den Widerhaken nicht aus seiner Backe, sondern verletzt es noch mehr, ja ein Fisch kann Bluten. Man fasst ihm am besten tief ins Maul oder man drückt die Finger in seine Kiemen. Beides hält ihn von zuckenden Bewegungen ab und man kann den Hacken verhältnismäßig gut rausziehen. Wenn es dann nicht zu spät ist und man den Fisch als nicht essbar, zu jung oder einfach zu lieb einschätzt, dann schmeißt man ihn zurück. Die großen unter ihnen, so wie zum Beispiel mein Alienfisch, schlagen mit ihren Flossen kräftige Schübe und verschwinden schnell in der Tiefe des Meeres. Die, bei denen es zu spät ist, zappeln vielleicht noch ein, zweimal im Meer. Wenn sie sich schräg legen, klappt das mit dem Gleichgewicht nicht mehr und die in der Nähe schwimmendenden und genau beobachtenden Möwen lauern schon. Denen kann man es natürlich auch einfacher machen, indem man ihnen den Fisch hinwirft. Ereifernd prügeln sich dann die Möwen um die Stücke, so dass es eine großes Freude ist, sie beim Streit und beim gegenseitigen Aushacken der Augen zu beobachten, bevor dann die sich durchgesetzte feststellt, dass der Fisch doch nicht zu ihren Lieblingsspeisen gehört und den Kadaver einfach auf der Wasseroberfläche davon treiben lässt. Angeln ist schön… Ganz im Ernst, das gehört dazu und ich muss keine Buse tun, weil ich einen Fisch umbringe, denn so lange ich Fisch esse und andere Tiere auch, muss ich bereit sein, diese auch zu töten. Balthasar hat das mit einer bemerkenswerten Kompromisslosigkeit und viel Bravour gemeistert. Es ist nämlich wirklich nicht angenehm und jemand der sagt, er findest es toll, einem Fisch den Haken aus dem Mund zu ziehen, dem glaube ich nicht oder halte ihn für abgestumpft. Natürlich, wenn Du als Fischer arbeitest sowie unsere wunderbaren Begleiter, ist das alltäglich und ganz normal.

Mit dem Heilbutt wurde es nicht. Das kann ich hier schon mal schreiben. Und es wäre für Udo eine Enttäuschung geworden, wenn er nicht sogar zum dritten Mal in diesen Tagen rausgefahren wäre, die wir in einer Bucht ausruhend und herumstreunend alternativ verbringen konnten. Denn er hat einen Steinbeißer gefangen. Seinen ersten. Ein schöner Raubfisch, ganz rot und relativ länglich. Der Kopf gleicht auch einer der vielen Alienköpfe, denn er hat einen hervorgeschobenen Unterkiefer, auf dem sich unzählige kleine, messerscharfe Zähne aneinanderreihen. Die schließen, wenn der Steinbeißer beißt, mit einer ebenso starken Zahnkette aufeinander. Die Bisskraft dieses Tiers ist so groß, dass er Steine zerbeißen kann, was er nicht tut, aber Muscheln oder die Panzer von Krabben und Hummern. Die Fischer nehmen sich sehr in Acht, denn es sind schon viele Fingerkuppen durch dieses Gebiss abgerissen worden. Also, wenn ihr jemanden seht, dem eine oder mehrere Fingerkuppen fehlen und der nicht so aussieht wie ein Forst- oder Holzarbeiter, sondern vielleicht wie ein Berliner Anwalt, dann wisst ihr, er hat einen Steinbeißer geangelt und keinen Russen auf seiner Seite gehabt, der dem Fisch unverzüglich den Kopf abgeschnitten hat!

Wir haben Kurilsk mindestens sechs oder sieben Mal durchgequert, denn hier gab es alles: ganz wichtig Chips, die Coca Cola, den Honig und alles andre, was man sich kaufen wollte oder musste, wenn man Felix oder Balthasar gewesen ist. Für uns Männer natürlich auch Bier und „Wegbier“. Hier ist das Verwaltungszentrum der Insel und auch der Notar, den man aufsuchen muss, um die Erlaubnis zum Betreten des Vulkans zu bekommen. Es gibt aber einen weiteren Ort auf der Insel, den wir nur aus der Ferne zu sehen bekommen haben. Als Ausländer durften wir diesen nicht betreten, denn es ist militärisches Sperrgebiet. Im Grunde ist die Insel als solches ja schon Sperrgebiet, denn wenn man Iturup auf Google Map öffnet, sieht man keine eingezeichneten Straßen oder Benennungen von Dörfern. Der Ort, den ich meine, zeichnet eine lange Landebahn aus, also einen recht großen Flughafen, der an der Kasatka-Bucht liegt, welche ein historischer Ort ist. Die Ironie der Geschichte ist, dass diese Bucht für Balthasar und mich ein Jahr Weltgeschichte schließt, denn im Sommer 2016 sind wir auf Hawaii in der Nähe von Paul Harbour gewesen, dem Ort des fatalen Angriffs der Japaner auf die Amerikaner, der zugleich den Eintritt der USA in den II. Weltkrieg bedeutete. Die Japaner haben damals eine sagenhaft große Flotte zusammengestellt samt Flugzeugträgern usw. Um das unbeobachtet tun zu können, haben sie das in der Kasatka Bucht getan. Iturup war damals „noch“ japanisch. Die Pazifikseite der Insel und dort vor allem alles um diese Bucht herum, samt der Gebiete, die für uns als Ausländer auch heute noch gesperrt sind, ist von den Japanern festungsartig ausgebaut worden. Überall zeugen alte Tunnelsysteme und Kanonenrampen davon. Vermutlich sind auch die Rampen und Unterlagen der Straßen, die heute als Pisten genutzt werden, von den Japaner angelegt worden.

Der Hoheitsanspruch der Japaner auf die südlichen Inseln der Kurilen begründet sich darin, dass die Rote Armee die Inseln 1945 erst nach der offiziellen Kapitulation Japans eingenommen haben. Viele Spuren haben die Japaner auf der Insel jedenfalls nicht hinterlassen. Wir haben einen (wahrscheinlich) Grabstein gesehen bei einer Fischfarm, sonst eigentlich nichts. Das liegt natürlich auch daran, dass bis noch vor kurzem alles aus Holz auf der Insel errichtet wurde, mit Ausnahme der militärischen Anlagen, die wiederum wir nicht betreten durften. Japan fühlt sich nicht nah an, obwohl es Luftlinie wirklich nur ein paar hundert Kilometer weit entfernt ist. Wenn man von Iturup aus nach Japan fliegen könnte, würde man wohl weniger als eine Stunde benötigen. Moskau fühlt sich aber auch nicht nah an. Deshalb ist das insgesamt ein merkwürdiges Gefühl, wenn man in dieser Gegend am größten Strand dieser großen Bucht immer wieder Soldaten der Roten Armee sieht, die sich in archaisch wirkenden Unterständen auf Wache befinden. Als ob die Japaner wieder mit einer Flotte in die Bucht zurückkehren würden und die Russen nicht genauso wie wir alle über Satelliten- und Radarüberwachungsmöglichkeiten verfügen würden. Das gibt einem das Feeling von 2. Weltkrieg. Und zeigt den kümmerlichen Versuch der Russischen Administration Weltmacht zu demonstrieren. Das Ganze dürfte nach innen hinein größere Wirkung haben als nach außen. Was ich damit meine? Für die Russische Bevölkerung, vor allem für die Rekruten, wird es sicher propagandistisch ausgewertet und verwendet, dass die Soldaten des Russische Riesenreich ans allen Ecken und Enden wachsam und auf der Acht sind. Der Dienst für das Vaterland auf einer solch entlegenen Insel, das wird sogar besonders honoriert, denn ein Jahr Wehrdienstzeit wird dort mit zwei Jahren an anderen Orten bewertet. Wie gesagt, von außen ist das Quatsch. Wenn heute überhaupt jemand noch an konventionellen Krieg glaubt, kann man diese Insel sicher schnell überrennen. Obschon, man muss es aus aktuellem Anlass ja mal sagen, dass es in dieser Region eine schreckliche Kriegsgefahr gibt, die von Nordkorea und den USA ausgeht. Denn auch nach Nordkorea ist es mit dem Flugzeug nur zwei Stunden.

Einen andren Grund für das Gefühl der Ferne von Moskau findet man am Strand. Dort liegt seit wohl zwei Jahren ein relativ modernes „Schubschiff“, also eine Art Schlepper nur umgekehrt. Jetzt fragt man sich, was so ein Schiff soweit in der Ferne eines Hafens zu suchen haben könnte, was auch unter uns zu Spekulationen geführt hat. Es ist nicht ganz unwahrscheinlich, dass es sich um ein Boot des FSB handeln könnte, denn auch Udo vermutet moderne Technologie an Bord, denn es wird bewacht. Ja, man mag es nicht glauben, an der Böschung zwischen Strand und Gräsern hat man zwei Container aufgestellt – hier ist sie wieder die Liebe des Ituruper Russen zum Container – in dem ein Mann haust oder soll man schreiben containert? Er hat seine Aufgabe wahrgenommen! Kaum wollten Balthasar und Felix auf das Schiff klettern, stürmte er schimpfend und drohend auf uns zu. Erst nach einem intensiven Gespräch Germanns mit ihm beruhigte er sich und wir durften dann aufs Schiff und es fotografieren. Was für ein Typ? Das ist Einsamkeit oder eine neue Form des Einsiedlertums. Ein paar Soldaten, die dort in der Nähe stationiert sind und vielleicht einmal für einen Schwatz anhalten, was sonst? An wen er wohl berichtet? André meint herausgehört zu haben, dass es einen Streit mit der Versicherung des Schiffseigener gibt, wer die Kosten der Bergung zu tragen hätte. Scheint also doch ein Schiff zu sein, dass noch Wert hat, sonst würde man es wohl der Natur überlassen, wie es bei allen andren Schiffsfracks, die wir gesehen haben, der Fall ist. Jedenfalls würde sich das Schiff ideal als Drehort eines Horrorfilms von Quentin Tarantino eignen, der Schiffswächter würde dann die Hauptrolle übernehmen.

Es gibt im Film „Im Westen nichts Neues“ die berühmte Szene, in der Paul nach einem Schmetterling vor seiner MG Stellung greift und dabei von einem französischem Scharfschützen erschossen wird. Es ist gleichzeitig das Ende dieses zutiefst beeindruckenden Antikriegsfilms. Egal wo wir uns ehemalige Stellungen der Roten Armee angesehen haben, die sich übrigens über die gesamte Insel verteilen, mehr oder weniger in den Abschnitten vor allem, wo eine potentielle Landung japanischer oder anderer Einheiten möglich gewesen ist. Dort sind Panzer und Haubitzen vergraben oder in Betonkonstruktionen und Bunkeranlagen verankert. Diese stammen zum Teil, so die fachkundige und für mich absolut glaubwürdige Einschätzung von Udo, noch aus den Achtziger Jahren, also aus der Zeit des kalten Kriegs. Die Natur ist schnell, der so unbrechbare Stahl der Panzer rostet vor sich hin, der Beton bröckelt. Das unberechenbare Wetter der Insel nagt an den Zeugnissen einer vergangenen Welt, die weniger mit den Schrecken den zweiten Weltkriegs zu tun hat, sondern mit einer Vergangenheit, die für Balthasar und Felix nicht erlebt wurde, von uns vier Erwachsenen aber sehr wohl und durch unsere Herkunft – Ost und West – sehr unterschiedlich. In den Achtzigern bin ich bis zum Bundesschülersprecher aufgestiegen, habe an zahlreichen Friedensdemonstrationen gegen Perhsing II und SS20 teilgenommen. Udo hat eine der besten Ausbildungen in Baku erhalten und fuhr wie erwähnt für die DDR Marine zur See. Und André hat gerade seine Ausbildung zum Offizier der Stasi angetreten. Was Natascha in der Zeit getan hat, habe ich nicht gefragt. Es soll hier auf keinen Fall pathetisch werden, aber diese Reise zeigt einmal mehr was Freiheit bedeutet. Auch wenn die Auflagen hoch sind, auf diese Insel reisen zu können, man kann. Die Voraussetzung für Freiheit ist Frieden. Der Mauerfall ist nicht nur ein Symbol für die Freiheit, sondern eben auch ein Zeugnis von Frieden. Ich habe im letzten Jahr das erste Mal, klammheimlich, darüber nachgedacht, was die auf Hawaii stationierten Soldaten für unsere Freiheit bedeuten. Sie verteidigen die „freie“ Welt, zumindest solange, wie diese nicht durch Gangster wie Donald Trump verkauft wird. Die symbolische Kraft des riesigen Hafens der US Marine in Honolulu ist nicht zu leugnen. Auf der anderen Seite, liegen die Überreste dieser Russischen Panzer und konventionellen Abwehrsysteme in den wundervollen grünen Wiesen Iturups.

Zurück zu Paul. Es gehört zu den aller schönsten Dingen auf der Insel: die wild wachsenden Blumen. Verschiedene wilde Lilien, Rosen, Butterblumen, um die zu nennen, deren Namen ich kenne. Dazu kommen viele andre dazu. Sie sind überall und vor allem immer ganz besonders viel bei den alten Waffenanlagen. Udo sagte so schön, dass die armen Soldaten es wohl sehr heiß in ihren stahlbekappten Unterständen gehabt haben, aber mit einem traumhaften Ausblick auf die blaue See und das blumenreich bunte Grün. Dass sich ein Soldat der Roten Armee eine Blumen, den Oberkörper aus dem Schutz hervorbeugend, pflücken wollte und dabei tödlich getroffen hätte werden können, ist eine bittere Vorstellung, die ich trotz oder gerade ob der wunderbaren Schönheit der Landschaft nicht mehr ganz los wurde.

Diese Blumen gehören für mich zu einem der Höhepunkte. So viele! So farbenreich. An jedem Ort: am Strand, in den Wiesen, zwischen dem Bambus, an den heißen Quellen oder unter einem Baum. Ein Vermögen für ein Blumengeschäft. Ist es nicht großartig, dass Blumen auf dieser Insel in Übermaß wachsen, aber sich Kartoffeln so schwer tun?

Überhaupt, ich habe ja schon ein wenig über die typischen Farben der Insel geschrieben. Wir haben zwei Orte erlebt, die für mich ganz besonders sind. Hier sind Farben, Pflanzen, Gesteine, Erde und Wasser in ganz besonderer Kombination zu etwas nicht nur wirklich außergewöhnlichem geraten, sondern zauberhaften. In jedem Zauber steckt etwas magisches, was nicht nur rein oder ohne Gefahr ist. Sie sind Zeugnis dafür, dass es wahrscheinlich einfach alle Farben auf der Welt gibt, auch die, die wir uns nicht vorstellen können, die wir vielleicht als künstlich empfinden würden. Die Welt ist so reich in ihrer im wahrsten Sinne unerschöpflichen Vielfalt.

Das eine sind die heißen Quellen mitten im tiefen Wald. Auf steinigem, teilweise sehr steilem und anspruchsvollem Weg wird man in den alten japanischen Jeeps ordentlich durchgerüttelt. Es geht hoch hinauf in eine wilde Bergwelt, dann eine Weile auf eine eine beeindruckende Ruhe ausstrahlenden Anhöhe und danach rauf und runter durch kleine Täler, vorbei an dem maroden Heizwerk, also eigentlich der offenen Flanke eines Vulkans, kommt man am Ende zu einem Pfad, an dem man die Autos verlässt und zu Fuß weiterläuft. Der eine Pfad führt nach oben, durchs grüne Unterholz. Die Luft schmeckt auf einmal nicht mehr frisch, sondern immer intensiver nach Schwefel. Die Luft füllt sich mit Nebelartigen Wolken dampfender Schwefelschwaden, die beinahe undurchsichtig sind. Dahinter entdeckt man dann einen kochenden Fluss! Das Wasser kommt hier mit über 100 Grad aus verschiedenen Quellen. Diese Blasen steigen auf, die man, wenn man ein Wasser zuschaut, dass im Tauchsieder zu kochen beginnt, was ich manchmal als Kind gemacht habe. Das ist kein Wasser, das zum Reinspringen einlädt, die Gefahr spürt man sofort. Es liegen ja oft so nahe beieinander, die Gefahr und der Reiz. Der Schwefel und die Hitze des Wasser geben der Umgebung eine unglaublich unwirkliche Farbe, gelb natürlich, das Wasser, dort wo es am heißten ist, verführerisch Türkis, silberige und grüne Steine, weiße Salz- und Kalkkrusten mit schwarzen Abschlüssen, moosige, grüne Pflanzen denkt man, sie sind keine, sondern die intensive Farbe des Steins über das Wasser hinweg läuft. Umgeben ist das Ganze von Urwald, weißen und brauen Felsen und gefährlichem grauen Schlamm, der manchmal aus Erdlöchern ausgespuckt wird. Steigt man den Lauf dieses außergewöhnlichen Baches hinab, wird man immer wieder und je nach den Windverhältnissen von undurchsichtigen Schwefeldampfwolken eingehüllt und muss ausharren, um nicht den falschen Schritt zu machen. Nach einigen hundert Metern ist das Wasser auf unter 50 Grad heruntergekühlt. An einer schönen Stelle ist ein kleine Paradies errichtet: drei Unterstände aus Holz, drei kniehohe Mauern, die das Wasser in kleine Becken aufstauen. Hier kann man heißbaden! Herrlich. Über einen kleinen Steg kann man noch ein paar Meter weiter hinunter steigen, dort befinden sich badewannenartige Einbuchtungen im Fels, in die man sich im fließenden Wasser hineinlegen kann. Hier bricht dann der durchaus größere Bach zu kleinen Wasserfällen einige weitere Meter hinab. Um das Naturspa perfekt zu machen, kann man auch dort hinuntersteigen, in die Massageabteilung sozusagen. Man setzt sich hin und lässt das Ende des Wasserfalls auf seinen Rücken platschen.

Hier konnte noch nicht einmal der wenige Müll den Genuss trüben, aber warum kann der Einheimische nicht einen Deckel auf den Müllkorb anbringen, um die Bären davon abzuhalten, nach Essenresten zu suchen?

Das andere Ereignis, und das ist für mich persönlich der Höhepunkt der Reise gewesen, hat mich zutiefst berührt. Eine solche zarte Schönheit, natürliche Kraft, flirrende Zauberhaftigkeit und unberührte Abgeschlossenheit habe ich vielleicht noch nie ein einem erlebt. Es gibt im nördlicheren Teil der Insel einen Küstenabschnitt zum Ochotskisches Meer der rund 35km lang ein ganz besonderer Strand ist. Der Sand des Strands ist schwarz weiß. Das Meer ist silbrig blau-grau, an unserem Tag, seicht und still trotz des Windes, der kleine scharfe Wellen verursachte, deren Kamm eine ganz zarte weiße Gischt verzierte. Das Wasser ist nicht nur kristallklar, es wirkte auch so, wenn man seitlich aufs Meer schaute. Der Strand wurde auf der Landesseite durch meterhohe weiße Klippen begrenzt, die wahrscheinlich aus einer Art Kreide bestehen. Denn die Wände sind brüchig und dort entlang zu gehen würde sicher alle Alpenvereinsführer zur Warnung vor Steinschlag verleiten. Diese sich kilometerlang hinziehenden weißen Kreidewände haben ein grünes Dach aus meterhohem Gras. Da sich die Wände oft giebelartig nach oben hin verjüngten, entsteht der Eindruck, dass man an einer ganz langen Reihe von weißen Riesenhütten entlang laufen würde. Reihenhäuser für Riesenhobbits vielleicht. Ab und zu wird die Wand durch einen Bachlauf unterbrochen. Hier schiebt sie der weiße Kreidesand auf das vulkanische Schwarz des andren Strandsands, wodurch bemerkenswerte Kunstwerke wie Graphiken der Natur, des Windes und der Brandung entstehen und wieder verschwinden. Blickt man einen Bachlauf hinauf, sieht man oft eine Engstelle, in der sich Bäume aufstapeln, unter denen das Wasser einfach hinwegfließt, sie selber aber steckengeblieben sind. Das Tal des Wasserlaufs gibt sich frisch: fettes grün, darunter orange und gelbe Lilien, das sich alles natürlich gegen das weiß der Kreide strahlend abhebt. Hat man dann noch so viel Glück mit dem Wetter wie wir, harmoniert dieses grün mit dem dunklen, reinen Blau des Himmels, wo die Sonne nicht so hoch steht, dass alles weiß und diffus wirken würde. So wahrhaftige, ja so saubere und schöne Farben habe ich wirklich noch nie so klar erlebt. Dazu, wie schon gesagt, das silbrige, hellblaue Wasser des Meers, in dem am Horizont die Fontänen und Flossen schwarzer Schwertwale zu sehen gewesen sind. Wenn man nach Süden blickt, erheben sich am Horizont zwei Vulkane, die im hellgeblichen, fast schon zitronig wirkend, Flimmern der Sonne zart ihre trichterartigen Konturen zeichnen. Auch hier in diesem Paradies gibt es Spuren von Bären, also ist auch hier immer Aufmerksamkeit gefordert und so sehr ich Lust gehabt hätte, einem der Bachläufe nach oben hinaufzuklettern, nicht nur die Wildnis der Natur macht das zu einem schweren Unterfangen, der eine oder andre Bär, der es sich dort vielleicht gemütlich gemacht hat, könnte sich gestört fühlen.

Mich hat die Landschaft auf dem Weg zu dieser Küste schon ergriffen. Wir fuhren in einem Laster, der als Aufsatz eine Kabine hatte, in der mindestens fünfzehn Personen Platz gefunden hätten, aber es wirklich sehr ungemütlich und anstrengend zu sitzen gewesen ist, bedenkt man das brutale Herumgeschaukel ob des Sandweges, der jedem Rallyefahrer die Freundestränen in die Augen treiben dürfte. Ich musste raus, ich wolle laufen, von mir aus die ganzen nächsten 35km. Noch bevor die Klippen kamen, reichten reiche und grüne Wiesenflächen, die immer wieder von Gewässern durchzogen waren an die Sanddünen, hinter denen sich dann dieser unberührte wundervolle Strand ergab. Wenn ich mir – für mich ganz persönlich – Schönheit der Natur vorstellen möchte, dann entspricht dieser Flecken meinem Traum. Noch mehr als die bereits unbeschreibliche Schönheit, die wir auf Kauai erleben durften. Zumindest ist die dortige Anmut hier eingeholt. Gott sei Dank ist niemand dazu aufgefordert ein Ranking zu erstellen.

Von diesem himmlischen Ort wäre ich am liebsten nie wieder weggefahren. Trotz recht niedriger Wassertemperaturen, vielleicht so um die 16 Grad, sind wir auch ins Wasser gesprungen. Erfrischend wie ein Bergsee und genauso herrlich. Der Sand war, dank des schönen Wetters aufgewärmt von der Sonne, so dass es niemanden kalt wurde. Nur ein paar Meter weiter ergab sich ein kleiner Fluss ins Meer, der beinahe noch kälteres Wasser mit sich führte, aber da es süß gewesen ist, konnten wir es zum Abwaschen des sandigen Körpers oder auch nur der Füße nutzen. Paradiesisch.

Es konnte übrigens aber auch für die Fischsuppe genutzt werden, denn vielfach war das Wasser der Bäche so sauber, dass die Einheimischen aus ihnen getrunken haben und wir haben das Wasser zumindest für unsere Mittagessen verwendet. Anatoly, der uns auf viele unserer Ausflüge begleitet hat und das sehr wohl als willkommene Abwechslung mit Freunde getan hat, bereitete uns warme Mahlzeiten zu. Anatoly kann Feuer machen wie Indianer in einem Western. Nur mit wenigen kleine Holzstückchen und Stöcken bekommt er es hin, ein wirklich kleines, fast rauchfreies Feuer zu entzünden, dass so viel Hitze entwickelte, dass ein Topf mit mindestens fünfzehn Litern Wasser zu kochen gekommen ist. Der Fisch, der frisch war, Gemüse und Kräuter hat er mitgebracht und nach nur 45 Minuten hatten wir eine frische, köstliche Suppe. Wenn ich mich daran erinnere an welchen romantischen oder einfach nur unvergleichlichen Orten ich Fischsuppe oder auch ein Butterbrot von Anatoly auf Iturup gegessen habe, weiß ich nicht, ob ich mehr Appetit auf die Suppe oder einfach nur den Ort bekomme. Am besten beides!

Zum Abschluss meines Berichts, der unvollendet bleiben wird, weil sicher für jeden der dabei war, etwas anderes im Vordergrund seiner eigenen Erinnerungen stehen könnte, möchte ich noch auf eine ganz besondere Erfahrung eingehen, die auch sehr viel mit meinem Sohn Balthasar zu tun hat. Es geht um die wunderbaren Menschen, denen wir auf Iturup begegnet sind, die wir kennenlernen durften.

Nicht nur die Herkunft – West und Ost – machte einen Unterschied zwischen Udo, André, Natascha und Felix auf der einen Seite aus (bei Felix natürlich faktisch nicht) und Balthasar und mich auf der andren Seite. Wir sprechen kein Russisch. Es ist immer so, man vermisst die Fähigkeit, die Sprache der Menschen, an dem Ort man ist, zu sprechen. Man ist auf die Hilfe der andren angewiesen, man muss dazu manchmal sogar nerven, und ich bitte meine Freunde auch hier noch einmal um Nachsicht, das ich manchmal einfach diese Übersetzertätigkeiten von Udo und André erwartet habe. Felix hatte hier eindeutig die beste Abwehrstrategie: er war entweder nicht vor Ort, hörte gerade was ganz anderes oder konnte auf einmal kein Russisch mehr. Der adidastraininganzugsliebende German, der gutmütige Anatoly, der zahnlose Diema, die hübsche Ksenia, die fleißige Vera und die vielen anderen, die uns mal gefahren haben, die uns beim Fischen geholfen haben, die uns mit ihren Schrottflinten bewacht haben, sie alle haben ein großes Herz. Sie haben sich nicht aufgedrängt, sie haben neben der Betreuung noch all ihre andere Arbeit verrichtet. Nicht nur dass wir alle, so bin ich fest überzeugt, große Dankbarkeit in uns tragen, sondern diese Menschen haben uns berührt. In ihrer Bescheidenheit, ihrer sympathischen Einfachheit, in ihrer bemerkenswerten Ruhe, aber auch mit ihrer zurückhaltenden Neugierde und der Freunde, mal mit einem von uns – also eher Udo und André – reden zu können. Und Udo redet gern!

Wir sind in einer Nacht zur Krabbenjagt gegangen. Das war ein recht spontaner Gedanke, natürlich ganz im Sinne Udos, der auch des Nachts am liebsten mit einer seiner Angeln am Strand geschlafen hätte. Krabben ist das falsche Wort. Wir sind Krebse jagen gefahren. Auf zwei kleine Schlauchboote verteilt, vorsichtshalber mit Schwimmwesten versehen, fuhren wir vom Steg der Fischfabrik ins Stockdunkle hinaus. Balthasar war es nicht geheuer. Zielsicher wurde der ohnehin stotternde Außenbordmotor abgestellt, wir trieben auf der dunklen Wasseroberfläche, man konnte eine Brandung auf Stein hören, also waren wir nicht weit weg von einem steinigem Ufer. Mit lichtstarken Taschenlampen wurde dann der Meeresgrund, es war nur rund ein Meter tief, abgeleuchtet, Schwupps, bis ganz plötzlich mit großer Geschicklichkeit, in diesem wirklich kleinen Schlauchboot stehend, der Bootsmann eine Art drei Meter langen Fächer in Richtung des am Meeresgrund trabenden Krebs herausführte. Mit der Spitze wurde er erbarmungslos angehoben, verlor dabei natürlich seine Halt landete im Netz, das einem Klingelbeutel für die Münzspenden während des Gottesdienstes gleicht, das von den Ministranten eingesammelt wird. Mit einer galanten Bewegung um die eigene Achse des Bootsmannes landete das lebendige Tier im Boot. Kein Ausweg, da kann es gern in die letzte Ecke des Boots krabbeln. Nachdem Udo, André und ich einige dieser eigenartigen, selbstbewussten und vor allem schönen, wenn gleich auch bedrohlich und etwas gruseligen Tiere aus dem kalten Wasser gefischt haben, ging es wieder zurück. Warum es auf dem anderen Boot, auf dem Natscha, Felix, Balthasar und German samt Bootsmann, keinen Erfolg gegeben hat, also nur Krebs erwischt, frage ich mich bis heute. Auch wenn es egal war, denn die guten Männer hatten schon einen Vorrat weiterer Krebse, die sie am Pier in einem großmaschigen Netz gefangen hielten, auf einen unvergleichbarem Mitternachtsschmaus vorbereitet. Am Strand in unmittelbarer Nähe des Piers flackerte unter einem riesigen Topf großer Feuerzungen hervor und sorgten so auch für etwas Beleuchtung im Finster. Die Krebse wurde in einem Schlauchboot, dass auf den Sand aus dem Wasser hochgezogen wurde, in unsere Nähe gebracht und dort rustikal getötet, indem man ihnen einfach den Kopfpanzer aufbrach und die Rogen, die sich nicht dort befinden, wo man sie erwarten würde, mit den Finger herausgezupft wurden. Die Rogenmenge verteilt sich gut auf zwei Finger, die uns dann reihenweise angeboten wurden. Überwindet man seine erste Scheu erlebt man sein kulinarisches Wunder. Trotz der seltenen Konsistenz ist es geschmacklich sehr köstlich. Weich, jedoch überhaupt nicht klietschig, eine Masse, bei der man gern an Kavier denken würde, dafür ist sie aber viel kleinkörniger. Und verdammt lecker. Bei der Anzahl der getöteten Tiere haben wir alle auf alle Fälle genug bekommen, was man von Kaviar heute ja kaum behaupten kann.

Das Feuer unter besagtem Topf erhitzte das Wasser, das zum Kochen der Krebse gebraucht wurde. Und wisst Ihr was? Das Wasser ist Meerwasser gewesen, einfach dort am Strand abgeschöpft. Man muss es nicht mehr salzen oder irgendetwas andres hinein tun zum Würzen. Ein genialer Gedanken genauso wie auch befremdlich. Ist das Meerwasser sauber? Jetzt habe ich die ganze Zeit die Natürlichkeit und Sauberkeit der Insel und des Meeres gelobt und doch hatte ich in diesem Moment meine Zweifel. Es war herrlich, denn das Wasser kochte ja, die Krebse wurden hineingeworfen und brühten eine ganze Weile. Es war eine unfassbare Menge. Aus Gastfreundschaft. Aber auch, weil die Gelegenheit dazu genutzt wurde, dass sich die Familien der Vorabeiter, German und andere zu uns gesellten und wir die frisch und köstlichen Krebse Bein für Bein, Zange um Zange verspeisten. Es hörte nie auf, ein Ende war nicht in Sicht. Wenn ein Koch, der Seafood mag, das und die Mengen gesehen hätte und eine Kalkulation aufgestellt hätte: wir haben aus solch einer Sicht für viele Tausende EURO Krebse gegessen. Doch diese Rechnung kann dort niemand ausstellen, denn nur Einheimischen ist es erlaubt, Krebse zu fischen. Es sind geschützte Tiere und viele der Inselbewohner scheinen sich daran zu halten, zumindest habe ich nirgends vernommen, dass diese Tiere heimlich gejagt und auf einem Schwarzmarkt vertrieben werden. Jedenfalls war es so viel Krebs, dass wir auch noch Tage später vom Fleisch dieser Meerestiere aßen. Der Kühlschrank leerte sich nie. Ein Symbol der Großzügigkeit unerer Gastgeber.

Die Herzlichkeit der mit uns an diesem Mitternachtsschmaus teilnehmenden Familien, Frauen, Männer unterschiedlichen Alters ist ein Symbol der oben schon beschriebenen Herzlichkeit, die gar nichts Aufdringliches an sich hat, sondern viel mehr sogar eine angenehme Distanz besitzt.

Weil es keine Touristen auf dieser Insel gibt, weil die Arbeit für die Menschen im Vordergrund steht, weil Freizeit auf der Insel ideenreich gestaltet werden muss, wenn man nicht irgendwann einen Koller bekommen möchte, müssen sich die Menschen organisieren und wie ich meine, auch gegenseitig unterstützen.

Eine Nacht haben wir nicht in der Farm geschlafen, sondern haben in einer Bucht in Zelten genächtigt. Nachdem ich 127 Sandwürmer, die wie auch immer ein mein Zelt Eingang finden konnten, getötet hatte, habe ich aufgegeben und mich der Natur hingegeben. Ich möchte nicht wissen, was Balthasar neben mir getan hätte. Ursprünglich hätten wir uns das Zelt nämlich geteilt, doch es kam anders. Im Laufe des Nachmittags habe ich Balthasar mit einem falschen Mückenspray einhüllt. Einem für Textilien. Sein Gesicht, genauso wie der Nacken, begannen höllisch zu brennen. Leider hat auch Felix etwas von dem Spray am Nacken abbekommen, so dass sich die Jungs gegenseitig in ihrem Leid hochschaukeln konnten. Es muss wirklich schlimm gewesen sein, denn erst meine Kortison Tabletten, die ich für bestimmte Notfälle dabei gehabt habe, milderten die Umstände. So groß das Leiden der beiden auch war, es hat auch unsere Ituruper Begleiter beeindruckt, so dass schnell die von Felix und Balthasar vehement begrüßte Idee aufkam, beide doch in die Fischfarm zurückzubringen um sie dort schlafen zu lassen. André und ich konnten unser Schmunzeln nicht ganz verbergen, hatten unsere beiden Tapferen wie auch immer ihr Ziel erreicht. Die Schmerzen gingen nach der Einnahme des Kortisons wohl schon auf der Fahrt mit dem Kutter Richtung Rettung zurück, das Brennen wandelte sich in ein schwerwiegendes Jucken, dass jedoch beide nicht mehr am Einschlafen hindern sollte, was ja alles in allem wirklich wichtig gewesen ist. Doch diese Nacht wird für Balthasar nicht in Vergessenheit geraten, denn er wachte recht bald wieder auf, hörte er doch das Entlanglaufen eines Mannes in dem Flur der Fischfarm. Felix, klug wie immer, sperrte seine Tür einfach zu und sprach auf einmal wieder kein Russisch. Balthasar machte keine großen Anstalten und schlief schnell wieder ein, denn wir hatten mit den Jungs die Verabredung, dass sie sehr früh am Morgen wieder zu uns in die Wildnis kommen sollten und sie sich daher auf frühes Wecken und Aufstehen einrichten sollten. Das begründete Balthasars leichten Schlaf. Als er sich gegen 4 Uhr morgens in seinem Bett so umdrehte, dass er auf das andres Bett blicken konnte, sah er, dass dort jemand schlief. Es kostet manchmal ein paar Minuten, gerade wenn man so schläfrig ist, sich zu orientieren. Das hat jeder von uns nicht nur einmal erlebt. Balthasar realisierte recht bald, dass diese Person nicht ich sein konnte. Ungeheuerlich wird es einem in einer solchen Situation. Vielleicht aber ist das alles ja auch nur Traum. Also einfach wegdrehen und noch mal eine Runde schlafen. Um fünf war der Mann aber immer noch da. Und der erwachte dann offensichtlich mit ähnlicher Orientierungslosigkeit. Hm. Was nun? Er merkte schnell, dass mein Sohn kein Russisch spricht, aber er ist ein wacher Bursche, obwohl es in allen andren Lebenslagen viel zu früh für ihn gewesen wäre. Ich jedenfalls wäre auch in anderer Situation nicht auf die geniale Idee gekommen, die Balthasar dann hatte. Felix hatte sich ja eingesperrt und jemand andres war auch nicht. Also, Google, unser neuartiger digitaler Begleiter bietet ein orales Übersetzungsangebot an und da ich ja nicht da war reichten die Datenvolumen des WLAN auch aus, dass der neben Balthasar schlafende, durchaus anders als ich riechende Russe wie auf einem andren Planeten in Balthasars Smartphone sprach und Balthasar eine Übersetzung in wenigen Minuten des Gesagten lesen konnte. Man möchte nicht glauben, was alles möglich ist um fünf Uhr morgens in Iturup. Die Erklärung des Mannes, wie er in mein Bett gelandet ist, entbehrte natürlich nicht viel Humor. Vera war dann auch bald wach, versorgte den armen Kerl mit einem Vodka und Frühstück, bald darauf machte er sich auf zu der Fischfarm, zu der eigentlich in der Nacht schon wollte.

Die Souveränität Balthasars wurde dann aber ein weiteres Mal herausgefordert, wie sich für mich erst auf dem Flug von Sachalin nach Moskau herausstellen sollte.

Als wir morgens aus unseren Zelten an besagtem Strand und auf vielen Käfern gebettet, krochen, alles so tuend, als wenn es eine der besten Nächte der letzten Jahre gewesen sei, wir mit Suppe zum Frühstück von Anatoly versorgt wurden, konnten wir bald am Horizont den Kutter erkennen, der unsere beiden Helden bringen sollte. Was bei uns allen aber nichts als Kopfschütteln auslöste, ist, dass German wie von der Tarantel gestochen auf einmal ins Schlauchboot, das uns für den Notfall in der Nacht zurückgelassen wurde, sprang und dem Kutter in wagemutig hoher Geschwindigkeit entgegen peitschte. Das ergab gar keinen Sinn und wir schoben es auf seine Langeweile. Hintergrund aber war, dass er den beiden Jungs auf dem Kutter ein Versprechen abgenommen hat (hier konnte Felix offensichtlich genug Russisch.). Nämlich das die beiden von dem Vorgang nichts berichten sollten. Damit wir nicht auf die Idee gekommen wären, uns über diese „Sicherheitslücke“ zu beschweren. Die Furcht vor dem Boss und möglichen Konsequenzen für alle uns so herzlich begleitenden Frauen und Männer…

Das wurde ein Bund daraus, denn Balthasar hat mir diese Geschichte erst im erwähnten Flug erzählt. Wir konnten also kein Unheil mehr anrichten, der betrunkene Besucher in Balthasars Zimmer war entweder noch immer betrunken oder eben wieder brav an der Arbeit, er wurde durch seine Kollegen ebenfalls gedeckt, glaube ich.

Balthasar jedenfalls ist in den Tagen erwachsener geworden und hat einen ganz neuen Blick auf die Welt, dort im Fernen Osten, gewonnen. Sein Weltbild dürfte sich differenziert haben. Mir hat diese Reise nach Iturup deshalb nicht nur die große Freude bereitet, ein unvergleichbares schönes Stück unserer Erde kennengelernt zu haben, sondern die beschriebene Entwicklung meines Balthasars mitzuerleben. Seine Aussage während eines Spaziergangs bleibt für immer ein gutes Motto: „hier gibt es keine Graffiti, keine Häuser mitten in der Landschaft, keinen Dreck am Straßenrand. Ja, es ist so Natur, so echt. Keine Strommasten!“

Zum Abschied am Flughafen haben wir die Delegation, die uns zum Flughafen brachte, herzlich umarmt. Alle mit dem Gefühl, wir würden uns wiedersehen. Der Bund zwischen German und den beiden Jungs zeigte sich in den inzwischen von German gelernten deutschen Worten: Hurensohn und Arschloch! Sie haben sich nicht umarmt, sie haben sich die Hände hochwärts gereicht, so dass es den Klatschton gibt, und dann die Schultern aneinander gestoßen. Cool! Richtig cool!

Ich möchte mich bedanken bei meinen Reisebegleitern Natascha, Felix, André und Udo. Und ich sage unseren Gastgebern ganz herzlich: Spasibu.

DSC_3485Felix, André, Balthasar, Alexander, Natscha und Udo (v.l.n.r)

Landschaften ohne Meer

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Landschaften am Meer

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Auf dem Kutter

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Angeln zum ersten

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Die Crew

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Wildnis: Angeln und Wandern am Fluss

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Die Kasatka Bucht

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Reste der Tunnelsysteme der Japaner

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Das Schubschiff

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Angeln zum zweiten

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Die Blumen

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Die Fischfarm

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Der Krebsschmaus

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Die Bucht

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Auf dem Weg von der Bucht

 

Das Vulkan-Kraftwerk

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Überreste des kalten Kriegs

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Die heißen Quellen

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Der Strand

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